Auch Ungeborene lernen schon

Dass Babys erst ab dem Zeitpunkt der Geburt lernen und neue Erfahrungen abspeichern, darf heute aufgrund zahlreicher Studien und Erfahrungen getrost verneint werden. Wesentliche Erfahrungsgrundlagen werden bereits im Körper der Mutter vom Ungeborenen gemacht.

Bereits zum Ende des zweiten Schwangerschaftsmonats sind alle Organe und Organsysteme angelegt, ab der fünften Woche beginnt das Herz zu schlagen. Und bereits ab der zehnten Woche ist Dein ungeborenes Baby in der Lage, Reize auf der Haut zu spüren, die Großhirnrinde wächst kontinuierlich. Und bereits jetzt ist der Fötus in der Lage, Anteil zu nehmen an den Gefühlswelten seiner Mutter. Die enge Verbindung zur Mutter wird hier schon besonders deutlich: Dein Baby bekommt jetzt schon grobe Gefühlslagen mit wie beispielsweise Glück, Stress, Aufregung. Wenn Du Dich erschreckst, wird Adrenalin ausgeschüttet, welches ebenfalls auch bei Deinem Baby leichtes Herzklopfen auslöst. Im vierten Monat kommen motorische (Lern-)Prozesse hinzu. Nun ist die neuronale Vernetzung Eures Kleinen schon so weit fortgeschritten, dass motorische Bewegungsabläufe wie drehen, schweben oder sogar Purzelbäume schlagen möglich sind.

Im fünften Schwangerschaftsmonat Monat sind die Sinnesausprägungen nun besonders intensiv, das Ungeborene lernt die Welt des Geschmackes kennen, und zwar mit einer Intensität, die es als Erwachsener später im Leben nie mehr haben wird. Etwa zehnmal mehr Geschmacksknospen befinden sich am Ende des fünften Monats in seinem Mund als zum Zeitpunkt der Geburt.

Auch der Hörsinn ist bereits vorhanden: zu Beginn hört Dein Kind Deinen Herzschlag, die Darmgeräusche und Deine Stimme. In den folgenden Entwicklungsmonaten im Uterus kommen dann nacheinander weitere Sinneseindrücke und Fähigkeiten hinzu, die Dein Baby lernt: die Bewegungen werden schneller, es ertastet die Dimensionen seines Körpers selber, kann Schmerz empfinden. Auch das Hörempfinden wird weiter ausgeprägt: das Ungeborene lernt, verschiedene Geräusche wahrzunehmen: Verkehrslärm, welche Musik die Eltern gerne hören, hört Rhythmen und die Atemfrequenz. Sogar der Geruchssinn wird bereits im Mutterleib geprägt, was ganz wichtig ist für die spätere nachgeburtliche Bindung an die Mutter: Duftstoffe und Aromen übertragen sich auch in das Fruchtwasser, welches der Fötus ab dem dritten Monat schluckt; so weiß das Neugeborene instinktiv nach der Geburt die Mutter anhand ihres Duftes und ihrer Stimme zu „erkennen“.

Aber auch Gefühlsstrukturen wie Wohlbehagen oder Angst sind bereits im Bauch der Mutter zu erfahren: bei Angst oder großen Stresssituationen krampft sich der Bauch der Mutter zusammen, es entsteht ein räumliches Enge-Gefühl und der Puls und der Herzschlag schnellen hoch. Das sind alles Erfahrungen, die das Baby mitbekommt. Die aber auch wichtig sind als Erfahrung. Die negativen Erfahrungen werden noch von positiven Erfahrungen schnell überdeckt und nicht gespeichert.

Gerade in den ersten Lebensmonaten „draußen“ in der neuen Welt außerhalb des behaglichen, beschützenden Lebensraumes während der Schwangerschaft haben Säuglinge einen faszinierenden Mechanismus entwickelt, um all die neuen Eindrücke und Erfahrungen zu sortieren, zu verarbeiten und zu speichern, kurz: zu lernen. Sie verarbeiten all diese neuen Eindrücke im Schlaf, denn man kann sich recht schnell vorstellen, was für eine Unmenge an neuen Sinnesreizen und Situationen auf das Neugeborene von Beginn an einprasseln. Das Gehirn benötigt einen Zeitraum, in dem es alles neu und alt erlebte speichert, verarbeitet und miteinander kombiniert. Das hat sich die Natur praktisch ausgesucht: da Babys bis zu 18 Stunden am Tag schlafen können, ist das die perfekte Zeit für das kleine Gehirn, all die neuen Eindrücke zu verarbeiten.

Du siehst also, der Prozess des „Lernens“ beginnt keines Wegs erst, wenn Dein Kind bereits auf der Welt ist. Er beginnt viel früher, legt die wichtigen Grundlagen schon im Mutterleib an, welche dann nach der Geburt noch einmal massiv erweitert, kombiniert und verarbeitet werden.